Wer zuerst lacht, hat verloren

Ironie, Sarkasmus und Satire sind dieser Tage wie selten zuvor für viele Menschen unvereinbar mit Moral. Das liegt nicht bloß daran, dass Moral zunimmt, sich gar zuspitzt und in autoritäre Muster verfällt – auch sind Ironie, Sarkasmus und Satire, diese humoristischen Stilmittel keineswegs einer „Verrohung“ oder sittlichem Verfall zum Opfer gefallen (wobei das ja sogar im Prinzip eine Verbesserung darstellte, weil Satire und Humor somit ihre Freiheit, Unabhängigkeit und Fortschritt unter Beweis stellten);
nein, die Menschen werden einfach blöd, humoristisch absolut ungebildet und desensibilisiert.

Das Verständnis und vor allem erstmal das Auffassungsvermögen für feinen Humor ist offensichtlich zur Gänze abhanden gekommen. Man kann keine Anspielungen mehr in die Welt setzen, ohne die Stilmittel dabei so grotesk zu übertreiben, dass es selbst der Letzte und Bekloppteste sofort als Humor identifiziert und selbst dann noch die Pointe mit dem Signal „Vorsicht, das war Satire“ zerschossen wird. (Siehe Jan Böhmermanns satirisches Varoufakis-Mittelfinger-Video, das innerhalb von Stunden, noch bevor es eine Diskussion, Irritation, etc. auslösen konnte – der eigentliche Sinn von Satire – von seinem eigenen Sender aufgelöst und mit dem Flak der Hypermoral vom Himmel geholt wurde.)

Ein sehr flaches Beispiel: „Das hätte es beim Führer nicht gegeben.“

In gebildeter, geistig nicht vollkommen umnachteter Gesellschaft eine durchaus witzige Andeutung, die nicht einmal kommentiert werden muss. Der Satz weist je nach Situation ironisch und sarkastisch auf eine zumeist übermoralisierte Vorstellung von Umgang bzw. Sitte hin, indem ein Nachkriegssprichwort, das damals ernst gemeint war auf ironische Weise umgekehrt wird; im Endeffekt „so genau soll es nicht sein“.

Solches für einen Menschen unserer Zeit begreifbar zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der „Humor“ kann gar nicht plakativ, platt, offensichtlich und grotesk genug sein, um Verständnis hervorzurufen. Erst wenn ein „Witz“ mit „Geht ein Nazi in eine jüdische Kneipe…“ beginnt, versteht der von intellektuell niederer Unterhaltung á la „Big Bang Theory“ oder „Germanys next Topmodel“ verwöhnte Adressat, dass ein so offensichtlicher, bösartiger Antisemitismus und Rassismus nicht sprichwörtlich gemeint sein kann und es sich um Ironie handeln muss (sofern man sich unter Leuten befindet, die in ihren Schädeln Gehirn und keine heiße Luft umhertragen; also auf keinem Pegida-Aufmarsch, AfD-Parteitag oder Geburtstagsfeiern am 20. April).

Wer seinen provokanten Humor nicht gleich als Ironie, Sarkasmus und Satire kennzeichnet, wird von geistig besonders minderbemittelten Personen gerne in die Ecke gestellt, die man eigentlich kritisiert…

Hegt der Adressat Zweifel oder versteht den Witz erst überhaupt nicht und missinterpretiert den Inhalt als Haltung des Sprechers, gehen die vorgefertigten brav eingeübten vermeintlich antifaschistischen Muster los. (Natürlich sind das je nach Witz auch die Antisexistischen, Antirassistischen, Anti-Antisemitischen oder Antikommunistischen Muster). Die abgespeicherte Hypermoral wird abgerufen und durchexerziert; vollkommen ungeachtet dessen, dass die Meinung und Haltung des Sprechers zu 180 Grad entgegen dem Inhalt des Gesagten steht.

Zumeist sind nämlich diejenigen die größten Moralisten, die geschickt mit Anspielungen umgehen können und diese auch als solche zu interpretieren wissen.

Die von Springer-Medien und RTL-Hartz-IV-Reality-TV geistig Maximalgeschädigten, ergo das doppelmoralistische Bildungs- und Ethikproletariat hingegen – das sind in der Regel die Empörungsgeilen Gaffer, Trolle und Katastrophen-Touristen, zu denen sie ihre Medienblase erzogen hat. Sie verstehen nichts, greifen sofort an, sehen sich selbstverständlich immer im Recht und ansonsten ausschließlich in der Opferrolle.

Um das nicht in den falschen Hals zu bekommen: Bildungsproletariat bedeutet allzu oft Architekten, Konzernvorstände, Redakteure, BWLer etc.. Die alte Mär, dass arme Menschen ungebildet oder dumm sind ist ein Klischee des 15. Jahrhunderts; es gibt genug Gegenbeispiele, die zeigen, dass man keineswegs gebildet, intelligent oder am besten beides ist, wenn man viel Vermögen hat. Höchstens der Zugang zu Bildung ist leichter, was deutlich unfairer ist – (aber ein Thema für einen künftigen Artikel sein soll.)

Ich will eigentlich keine Witze reißen, die mit „Geht ein Nazi in eine jüdische Kneipe“ beginnen, um auf Antisemitismus und meine ablehnende Haltung dazu hinzuweisen. Sie sind schlichtweg langweilig und dumm, werden von den meisten Volltrotteln sowieso falsch verstanden und wörtlich genommen und letzten Endes lebt man dabei sowieso immer in der Angst, dass genau das der Fall ist und man plötzlich als die Sorte antisemitisches Schwein dasteht, die man eigentlich aufs Schärfste verurteilt.

Merke: Bloßer Rassismus oder andere dreckige Gesinnungen werden von keinen Gesetzen geschützt, auch nicht von der Meinungsfreiheit. Wenn sie in einem künstlerischen oder humoristischen Zusammenhang auftauchen hingegen schon. Natürlich gebietet es der Anstand faktisch und schlussendlich keine rassistische, antisemitische o. Ä. Aussage zu treffen, selbst wenn sie erlaubt ist. Seien wir mal ehrlich, der Anteil der Bevölkerung, der Konzentrationslager und Gulags als witzig empfindet, ist glücklicherweise sehr gering und der anständige Rest will von solchen widerlichen Meinungen so wenig es irgend geht mitbekommen.

Aber deswegen darf man nicht vor provokantem Humor zurückschrecken. Solche Witze müssen gerissen werden. Man muss platte Witze mit dem Vorschlaghammer reißen, um überhaupt eine Verständnisgrundlage bei den Adressaten zu schaffen und man muss ihnen zur Not den Sachverhalt jedes mal aufs neue gebetsmühlenartig erklären, bis sie verstehen, dass nichts davon wörtlich gemeint war und es irgendwann auch selbst erkennen. Der Humor, die satirische Freiheit muss zum Wohle der Verfassung und Meinungsfreiheit unbedingt gewahrt werden; und das ist ausschließlich durch Tabubrüche bestehender Moral und vermeintlicher, durch Missverständnisse, von Idioten etablierten Tabus, möglich. Wenn wir eine Hypermoralisierung zulassen und als Normalfall annehmen, dann stehen Blockwartmentalität, „Bürgerwehren“ und zwielichtigen Gesetzesänderungen, also der ganzen braunen und roten Jauche des Faschismus und Sozialismus absolut nichts mehr im Wege.

Nur so – leider – kann man einen freien, sensiblen Umgang mit Humor herstellen;
das feine Florett der Satire, der Ironie und des Sarkasmus wie einen Vorschlaghammer handhaben;
und den schweren, rabiaten, gefährlichen Vorschlaghammer der Tabubrüche locker, präzise und keck wie ein Florett führen.

Albert Schmelzkäs