Wenn Liebe kein triftiger Grund ist

„Bis es hier nicht auch Quarantäne gibt, müssen wir uns echt keine Sorgen machen!“

Als mein Freund irgendwann Ende Februar diesen Satz aussprach, glaubte keiner von uns beiden, dass es je so weit kommen würde – ganz schön naiv, wie sich später herausstellte. Max war fürs Wochenende aus Schweden eingereist, was in finanziell flüssigen (und gesundheitlich unbedenklichen) Zeiten zwei Mal im Monat passiert. Wir führen seit dreieinhalb Jahren eine Fernbeziehung – eine, die ziemlich gut läuft, muss ich sagen – und geben beinahe alles, was nach der Miete übrig bleibt, für Flugtickets aus – das wären bei mir ein paar Euros, weshalb der Großteil meist an Max hängen bleibt. Sorry dafür, Maxi!

Mitte März – kurz bevor es so richtig eskalierte – war Max wieder da. Das Wochenende war nicht so entspannt wie sonst, weil wir uns die ganze Zeit Sorgen machten, Max‘ Rückflug könnte gestrichen werden. Er sollte in Brüssel zwischenlanden, und an diesem Wochenende hatte Belgien gerade angefangen, strengere Maßnahmen zu ergreifen. Und noch verzwickter wurde die Situation, weil ein Aufenthalt in Brüssel, sollte nur sein zweiter Rückflug gestrichen werden, nicht gerade billig gewesen wäre. Würde er also das Risiko vielleicht gar nicht eingehen und einfach erstmal bei mir in Frankfurt bleiben? Ich werde nicht lügen und sagen, diese Vorstellung hätte mich nicht hibbelig gemacht. Aber nein, er flog und kam letztendlich ohne Probleme in Stockholm an.

Hätte ich gewusst, dass dieses Wochenende das letzte für eine lange Zeit sein würde, hätte ich meinen Freund betäubt und ans Bett gefesselt – oder zumindest versucht, ihm einzureden, dass er garantiert in Brüssel stecken bleiben wird. Aber dafür war es jetzt zu spät. An diesem Wochenende entschied man sich dafür, Angehörige anderer EU-Staaten nur noch mit triftigem Grund die Einreise zu gewähren. Wie ich denkst du jetzt sicher: „Wo liegt das Problem? Wenn Liebe kein triftiger Grund ist, was dann?“ Aber nein! Aus unerklärlichen Gründen ist Liebe nicht in der Liste triftiger Gründe enthalten.

Und so fing sie an, unsere tragische Odyssee stundenlanger Videocalls, unzähliger Herz- und Heul-Emojis (und der ein oder anderen Aubergine und Pfirsich) und einsamer Abende auf der Couch mit Eiscreme, Chips und traurigen Filmen über Menschen, die ein hoffentlich noch tragisches Schicksal ereilt hatte, um unser Leid erträglicher scheinen zu lassen …

Immer wieder darf ich mir anhören, dass ich das Ganze in Relation sehen soll. Ja, Max und ich haben uns seit fast zwei Monaten nicht gesehen, aber wir sind doch gesund! Und unsere finanzielle Lage hat das Virus auch nicht verändert. Mensch, wir können das Geld, was eigentlich für Tickets draufgegangen wäre, doch jetzt sogar sparen! Ich weiß, dass an all dem was dran ist. Ich bin nicht wütend auf Freunde und Familie, die mir das sagen, weil sie mir doch auch nur helfen wollen. Und dass dieser Text objektiv betrachtet Meckern auf hohem Niveau ist, das weiß ich auch.

Aber man kann nicht immer alles objektiv betrachten. Subjektiv wird es mit jedem Tag unerträglicher, Max’ Arme nicht um mich geschlungen zu spüren. Ich vermisse seine Hände an meinem Hintern, seine Zahnpasta-Reste in meinem Waschbecken, über die ich mich immer aufrege, die Geborgenheit, die er mich fühlen lässt, wenn wir zusammen auf der Couch liegen, und wegen der ich mir keine Gedanken darüber mache, dass dieser Moment zu Ende gehen und er morgen schon wieder abreisen wird. Seine Zuversicht, dass unsere Beziehung genau das ist, was wir beide die ganze Zeit gesucht haben, die mich immer wieder in Momenten der Angst überzeugt, ich könnte vielleicht ohne ihn alt werden.

Am Ende führt uns unsere Reise wie jeden anderen dorthin, wo sich alle zurzeit befinden: In ein Wartezimmer voll jammernder Menschen – ein paar von ihnen husten ab und zu, ein paar andere weigern sich, eine Schutzmaske aufzuziehen –, in dem man sich den Arsch plattsitzt und nicht weiß, wann man es wieder verlassen und seinem gewohnten Leben nachgehen kann.