Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha

Die Oper. Der Abend verspricht so vieles – Brillanz, Exzellenz, Virtuosität und ein Publikum, dessen noble Gewänder so extraordinär wie ihre Träger anmuten.


Falsch.
Aber fangen wir vorne an.

Der handelsübliche Opernbesucher kommt – zumindest in Frankfurt – mit der U-Bahn. Der einfache Pöbel auf dem Weg zur Nachtschicht, das Fußvolk also darf sich an der exorbitanten Aufmachung und der Atmosphäre flirrenden Intellekts erfreuen. Lediglich das Publikum aus Bad Homburg, ein elendiges Dorf nördlich Frankfurts, das es versteht absurd enormen Reichtum, wahnwitzige Geschmacklosigkeit und unfassbare Unverschämtheit und Egozentrik zu vereinen und zur Schau zu tragen – dieses Publikum also reist selbstverständlich mit der Staatskarosse an und parkt diese erfrischend unansehnlich konfigurierte, ungepflegte S-Klasse in der Tiefgarage.

Man trottet aus allen Himmelsrichtungen herbei, vor den Haupteingang. Dort treffen sich die Leute; zukünftige Schwiegereltern, die in Augenschein nehmen wollen, was ihre liebe Tochter ihnen als Zukünftigen unterzujubeln versucht, Ehepaare, die gerade „Beziehungspause“ machen und hoffen, ihrem Bund fürs Leben mit einem solchen Abend endgültig den Rest zu geben und pubertierende, geschmackfrei gekleidete Grüppchen, die eine verzweifelte Lehrerin notdürftig instruiert, um den Abend nicht vollkommen aus dem Ruder laufen zu lassen.

Auch ich bin da und warte auf meinen Kommilitonen, denn auch wir Musikstudenten müssen ab und zu inspizieren, was wir uns da eigentlich die nächsten 50 Jahre beruflich anzutun gedenken. Nachdem wir von diversen Obdachlosen um „etwas Kleingeld für eine Fahrt nach Litauen“ gebeten wurden, betreten wir das Gebäude.
Es ist ein erstaunlich hässlicher Glaskasten. In einem Innenhof ist für die Eingeweihten noch die historische Jugendstil-Fassade zu sehen, der Rest wurde in bester Nachkriegsmanier abgerissen, um ihn 1962 wirkungsvoller verhunzen zu können. An der Abendkasse stehen Vereinsamte, die noch die traurigen Reste des Stuhlangebots zu ergattern versuchen.

„Siegfried“ ist heute, Donnerstag ist „Martha“. So, so. Einer der bedauerlicherweise in Stoff gehüllten Jünglinge am Eingang, offensichtlich Dionysos höchst selbst, versucht mich vergeblich von seiner Attraktivität abzulenken, indem er meine Eintrittskarte scannt. Wir betreten das Foyer.

Eine Wolke aus Gesprächen, Champagnerprickeln und Diskussionen mit dem Garderobenpersonal schwappt uns entgegen. Es beginnt das Schaulaufen. Auf dem Weg zum Saaleingang werden meine obszön knalligen Schuhe anerkennend von einem dutzend Damen bewundert, deren Gatten sprachlos und entsetzt eine Miene des Verständnis vorzutäuschen versuchen. Allerdings nicht sehr gaubwürdig.

Wir betreten den Saal. Er ist fast leer, verständlich, es sind zehn Minuten bis Vorstellungsbeginn und somit zehn Minuten, die nicht versäumt werden dürfen, die Sektbar zu plündern. Wir setzen uns und tauschen Floskeln der Vorfreude aus.

Dann ist es soweit. Anscheinend. Es kann nicht mehr lange dauern, auf einmal strömen die Massen herbei. Wir stehen auf, eine Dame, deren Dekolleté dem Alter und der Schwerkraft nachgegeben hat schiebt sich in einem schreiend roten Kleid mit grellgelben abstrakten Mustern an uns vorbei. Sie bedankt sich freundlich, was ich aus ihrem Tonfall schließe, denn aus ihrer Mimik ist nichts zu lesen. Es ist schwierig, entweder ist sie Botox-Junky oder es haftet mehr Spachtelmasse an der Vorderseite ihres Schädels, als ein Stuckateur für eine mittelgroße Kathedrale aufwenden würde. Auch die Kolorierung ihres Antlitz lässt Raum zur Spekulation. Ob sie einen Clown als Maskenbildner engagiert hat? Ob sie Teil der Inszenierung ist und deswegen aussieht wie ein geplatztes Sofakissen? Vielleicht aber ist sie auch einfach ein großer Jackson Pollock-Fan.

Wir setzen uns erneut. Die Türen werden geschlossen. Das Licht erlischt, der Orchestergraben leuchtet auf. Dann öffnet sich die Tür unserer Reihe erneut. Nacheinlass… Ein Mann hechtet Panisch durch die Reihe und versäumt es bei keinem einzigen, den Arsch auch wirklich ins Gesicht zu strecken.

Wagner hätte Verständnis gehabt. Oder eben auch nicht.
© Albert Schmelzkäs v. C.

Die Gespräche lassen nach, die Oboe gibt ein A, das Orchester stimmt und ich höre einzelne Musiker im Gewirr noch ein letztes mal panisch ihre Angst-Solostellen durchspielen. Der Dirigent betritt den Graben und wühlt sich zum Pult. Die Herrschaften hinter mir sind schon sehr gespannt. Sie machen keinen Hehl daraus, sich das mitzuteilen – und natürlich auch allen anderen. Das Lohengrin-Vorspiel beginnt. Zart, leise, fein. „Ganz toll, diese Spannung, diese Stille, wirklich hin-rei-ßend“, befindet die Dame neben mir lautstark in die Stille. Ich versuche mich zu konzentrieren. Acht Reihen vor mir krepiert ein Greis an einem Hustenanfall und liefert sich einen Kampf mit dem Chor, der inzwischen pünktlich eine zwanzigstel Sekunde hinter dem Orchester zu singen anfängt. „Ob die alle ihr Jodeldiplom haben?“, frage ich mich in Hinblick auf das seismische Vibrato.

Es wird wieder still. Eine Frau im Rang schneuzt sich die Nase. Augenscheinlich hat sie Polypen, lässt der Klang des Gerotzten schließen. Mein Freund beugt sich zu mir und bemerkt in einer Lautstärke, die er als „Flüstern“ empfindet, die aber selbst im Orchestergraben noch gut verständlich ist, dass das Parfum der Dame vor uns faszinierend und potent duftet. Er ist der festen Überzeugung, dass sie davon nichts mitbekommen habe, wobei mich die Tatsache zweifeln lässt, dass sie sich bei den Worten „Mein Gott, was stinkt hier so grottig nach Douglas, das Weib mit dem Toupet?“ entsetzt umwendet.

Passend zu Lohengrins Schwanen-Arie im letzten Akt stimmt das Hörgerät eines Herren, der schon im Vorspiel eingeschlafen war (wie er es sicherlich aus seiner Ehe gewohnt ist), ein Duett mit dem Sänger an. Das Hörgerät und seine Rückopplung orientiert sich in Harmonik und Melodieführung aber im Unterschied zu Lohengrin weniger an Wagner als viel mehr an Stockhausen.

Applaus. Die Oper ist zu ende, Lohengrin ist verschwunden, seine Ische, Elsa, ihr zwielichtiger manipulierbarer Patenonkel, Friedrich, und seine machtgeile Olle, Ortrud, sind tot. Das Orchester ist in jeder Hinsicht am Ende und wendet sich im Applaus dem Gehen, denn es harrt des wartenden Bieres in der Kantine. Während sich Sänger, Chor und Dirigent auf der Bühne wilde Verbeugungsorgien liefern, fallen Rentner über mich her, die unbedingtals aller aller erste – noch während des Applauses und während es stockdunkel ist, den Saal verlassen, die Garderobe erreichen und ihren Wagen aus der Garage befreien müssen. Vermutlich müssen sie ihren Herzschrittmacher laden oder Tabletten nehmen und zetitig ins Bett, was man in dem Alter eben so treibt, wenn man es abends mal so richtig hat krachen lassen.

Auch wir wenden uns zum gehen, nachdem wir eisern bis zum Ende applaudiert haben und kommentieren auf dem Weg die Menschen und ihr Sein. Nicht nur aus soziologischer Sicht – aber vor allem aus dieser – sondern auch aus Musikalischer ist die Oper doch absolut immer ihr Geld, den Aufwand, die Sitten, die Gemeinschaft und die Leidenschaft wert.

Albert Schmelzkäs