Mehr als nur ein Kumpel

Bis zu meinen Outing habe ich einige schwierige Phasen durchlebt, wie viele in dieser Situation. Es gab die Zeit wo ich dachte es wäre nur durch die Pubertät so, dann gab es eine Zeit wo ich versucht habe hetero zu werden, habe mir eine Freundin gesucht und eines Tages kam der Moment wo ich es für mich einfach akzeptiert habe. Trotzdem habe ich mich niemandem anvertraut. Niemandem.
Nicht einmal meiner besten Freundin.
Ich wusste, dass ich das früher oder später tun müsse.

Ich hatte nie einen heimlichen Freund oder traf mich mit einem Typen, da ich immer Angst hatte es könnte irgendwie raus kommen. Ich wollte einfach nicht, dass in der Schule alle davon erfahren würden und ich das Gespräch der Leute sein würde. Vorallem wurde ich von den Jungs aus meiner Klasse sowieso immer aufgezogen und als Gay bezeichnet, das wäre für sie ja nur eine Bestätigung gewesen, das wollte ich auf keinen Fall. Also dachte ich mir ich warte definitiv bis die Schulzeit vorbei ist.
Vorallem waren ein paar meiner männlichen Schulkameraden ziemlich homophob, wer weiß, was denen noch eingefallen wäre.

Es begann ein neuer Lebensabschnitt im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte die Schule beendet und würde bald eine Ausbildung beginnen. Durch Zufall habe ich einen Typen auf Facebook kennengelernt. Wir haben oft und viel geschrieben und nach einiger Zeit auch telefoniert. Wir waren uns sofort sympathisch. Das Problem: er wohnte fast 500 Kilometer entfernt, in Wien.
Nach monatelangem, intensivem Schreiben haben wir ausgemacht, dass er mich besuchen sollte. Ich hab mich so gefreut, dass man es kaum in Worte fassen kann. Nur was sollte ich meinen Eltern sagen? Die wissen ja von nichts.
Ich sagte Ihnen es würde mich ein Kumpel aus dem Internet besuchen, wo sie nichts dagegen hatten.

Als er endlich angekommen war, war ich hin und weg. Ich war einfach total verliebt. Ich hab ihm die Stadt gezeigt und wir hatten viel unternommen. An einem Abend habe ich auch meine zwei besten Freundinnen angerufen und ihnen gesagt ich hätte jemanden kennengelernt.
Es kam gleich: „Oh mein Gott, wie heißt sie denn?“
„Jannik.“, antwortete ich. Stille. „Willst du mich jetzt verarschen?“, fragte sie. „Nein!“, sagte ich. Sie darauf: „Das ist ja gleich noch cooler! Ich freue mich so für dich!“
Okay, Freunde wären somit abgehakt.
Nur jetzt war ich an der Situation angekommen wo ich meiner Familie reinen Wein einschenken musste, das war allerdings nicht mehr nötig da das meine Schwestern für mich übernommen hatten. Sie hatten das ganze nämlich gespannt und meinten zu meiner Mutter, dass sie denken Jannik sei schwul und das wäre schon sehr merkwürdig, dass er von Wien extra nach Bayern kommt nur um einen Kumpel zu besuchen.

Am gleichen Abend klopfte es an meiner Tür. Meine Mama fragte ob wir mit dem Hund spazieren gehen wollen, sie müsse mit mir reden. Mir war sofort klar über was und ich stimmte zu. Mein Freund blieb in der Zeit in meinem Zimmer.
Wir gingen zusammen spazieren und ich erzählte ihr alles. Zu meiner Enttäuschung hatte sie das Ganze nicht so gut aufgenommen und weinte. Ich übrigens auch, da ich es nicht sehen kann wenn meine Mama weint und schließlich war ich dafür verantwortlich. Sie fragte mich wann ich denn entschieden hatte schwul zu werden. Ich fragte sie wann sie denn entschieden hatte hetero zu werden. Sie blickte mich wortlos an. Ich versuchte ihr zu erklären, dass das einfach so sei und man das nicht selbst entscheiden kann. Damals war mir ja noch nicht einmal klar ob ich, wenn es denn wirklich ginge, mich auch wieder entscheiden würde schwul zu sein. (Heute würde ich das definitiv!) Da uns beiden die Worte fehlten gingen wir nach Hause. Zuhause angekommen fragte mich Jannik wie es denn gelaufen sei. „Scheiße ist es gelaufen.“, gab ich ihm zur Antwort, denn anders konnte man es ja auch nicht beschreiben. Ich hab den ganzen Abend geweint, er versuchte mich zu trösten.
Jetzt war meine Angst nur noch größer geworden.
Ich hatte nämlich von meiner Mutter, mitunter, die größte Unterstützung erwartet. Was sagt dann mein Vater zu der ganzen Sache, wenn Mama schon so schlecht darauf reagiert?

Am nächsten Tag habe ich es auch meinen Schwestern erzählt, wobei die beiden ja anscheinend mehr wussten als ich selbst.
Und dann habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und habe es auch meinem Vater gesagt. Er laß gerade ein Buch, als ich ihn fragte ob wie kurz reden könnten. Ich habe ihm gesagt, dass ich auf Männer stehe und Jannik eben nicht nur ein Kumpel sei. Er daraufhin: „Na und? Es ist doch dein Leben! Solange ich nichts mit Männern haben muss ist alles in Ordnung.“, und lächelte.
Mein Gott war ich erleichtert.
Auch der Rest meiner Familie hat total positiv reagiert und sogar alte Schulkollegen haben mir geschrieben, dass sie es super finden, dass ich mich geoutet habe. Auch einer der Typen die mich sonst immer aufgezogen haben!

Zwischen mir und meiner Mutter war allerdings Funkstille.
Ich glaube fast eine Woche wollte sie nichts von dem Thema hören, weder von mir noch von jemand anderem.
Das schlimme war für mich nicht, dass meine Mama meine Sexualität nicht akzeptierte, sondern dass wir nicht mehr miteinander redeten.
Ich weiß bis heute nicht warum sie so reagiert hat, da meine Mama eigentlich eine sehr moderne Frau ist und ich mit ihr eigentlich über alles reden kann.
Naja sie hatte auf jeden Fall alles versucht um mir meine Sexualität auszureden, sprach auch von einer „Phase“. Sie fragte sogar unseren Hausarzt was sie denn jetzt machen soll, worauf er ihr erwiderte mich einfach in Ruhe zu lassen und meine Sexualität zu akzeptieren.
Das kam für sie aber nicht in Frage und sagte ich solle es doch mal mit einer Frau probieren, vielleicht gefällt es mir ja doch. Da war ich richtig sauer. Wieso konnte sie mich nicht einfach so akzeptieren wie ich bin?
Warum wollte sie unbedingt, dass ich hetero bin? Eine Frage die bis heute offen steht. Wir hatten noch eine ganze Zeit an mit Diskussionen verbracht.

Als mein Freund wieder weg war haben wir uns nochmal zusammengesetzt und sie hatte mir gesagt, dass sie selber nicht weiß was mit ihr los gewesen ist. Sie war einfach so geschockt, weil sie das nie gedacht hätte.
Angst hatte sie eben auch um mich. Sie dachte ich würde vielleicht an die falschen Leute geraten oder nicht vorsichtig sein und eventuell krank werden. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass ich genau weiß was ich zu tun habe und sie sich keine Sorgen machen müsse. Sie sagte mir außerdem, dass sie es akzeptiert und respektiert und immer zu mir steht.
Da ist mir ein riesen Stein vom Herzen gefallen, da ich wirklich kurz dachte sie würde es nie verstehen können. Auch Jannik war froh, dass meine Mutter ihn nun akzeptierte, schließlich hatte sie seit meinem Outing kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Sie sah einen kleinen Feind in ihm, so ein bisschen als ob er für alles verantwortlich gewesen wäre.
Die beiden kamen aber von Zeit zu Zeit immer besser miteinander aus und irgendwann war das Thema vergessen.

Mit Jannik bin ich heute übrigens nicht mehr zusammen. Aber das ist eine andere Geschichte.