Langeweile, der Schlüssel zur Kindheit

Wir sind es gewohnt, dass Wasser aus der Leitung kommt, dass Strom aus der Steckdose kommt und dass wir Essen kaufen können, wenn der Kühlschrank vor Leere gähnt. Wenn die Stadtwerke einen Tag das Wasser oder den Strom abstellen oder wenn am Ende des Geldes noch eine Menge Monat ist, dann merken wir, wie wichtig uns diese Standards sind. Ohne geht es eben nicht.

Genauso sieht es mit sozialen Standards aus. Wir sagen „Hallo“, „Bitte“, „Danke“, „Tschüss“ und halten anderen die Tür auf. Wir kümmern uns rechtzeitig um das, was zu tun ist und bemühen uns, es gut zu machen oder wenigstens in Ansätzen so aussehen zu lassen. Und der Schlüssel zu diesen Gewohnheiten liegt natürlich in der Erziehung. Aber immer öfter sehe ich absurde Elterndarsteller, die mit der Existenz ihrer Zöglinge wie mit ihrer Eigenen vollkommen überfordert sind.

Kinder brauchen eine Kindheit, in der sie sich und damit vor allem Ihre Persönlichkeit, Ihren Stil, ihren Ausdruck und ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln. Sie müssen spielen; sie müssen lernen, was durchaus nahezu immer Hand in Hand miteinander geht. Sie müssen malen, zeichnen, lesen, singen, Sport machen und an die frische Luft und der einzige Weg, der dazu führt, ist Interesse.

Aber will ein Kind malen, wenn es gleichzeitig auch rumgammeln und auf einem Smartphone oder Tablet den Nachmittag verdaddeln kann? Will ein Kind ein Buch lesen oder sich ein Bilderbuch ansehen, wenn es doch vor einem Katarakt von quietschbuntem Plastikspielzeug Koreanischer Pädofaktur steht und sich nicht entscheiden kann, welches denn heute zur Belustigung am genehmsten sei.

Puppen, denen das Kind nicht mehr durch Dialoge Leben einhaucht, weil sie inzwischen vorgefertigte, von Indern mit guter deutscher Artikulation eingesprochene Pauschalsätze von sich geben, die sich jedes zehnte mal wiederholen, wenn man den Bauch der Puppe drückt.

Spielzeugautos, die inzwischen ferngesteuert sein müssen und natürlich mit funktionierendem V8 mit Abgasen, Lärm und allem, was noch nie dazugehört hat ausgestattet zu sein haben.

Das Tablet, mit Malprogrammen ausgestattet, weil es zu einfach wäre – vielleicht weil es der überforderten vierfachen Latte-Macchiato-Mutti mit Vollzeitjob und fünf Hobbies zu viel Dreck macht, den eben diese Helikoptermami von der Putzfrau (Pardon – “Haushälterin“) beseitigen lassen muss, wenn das Kind mit echten Stiften auf echtem Papier malt.

Statt diese Haptik zu erfahren, die Motorik zu entwickeln, gibt es nur das Geräusch von fettigen Kinderfingern, die auf dem kalten Glasbarren tippen, wischen und „swipen“.

Ein Kind gehört zuerst einmal in ein Umfeld, das unspektakulär ist. Keine PlayStation, keine 3PS-Nitromethan-Verbrenner-Spielzeugautos, kein Tablet im Kínderwagen und nicht mehr Fernseh- als Schlafenszeit; nichts was einfach unverhältnismäßig ist. Zur Entwicklung gehört natürlich auch sowas, wenn das Kind sich dafür interessiert – aber alles zu seiner Zeit und nicht, wie in den USA, schon mit zwei Jahren das Sturmgewehr, „weil es das Kind wollte“.

“Junge, wenn du den ganzen Tag fernsiehst, werden deine Augen noch eckig.“
– ungefähr jede Oma

Kinder müssen sich auch mal gelangweilt im Raum umsehen, denn sobald sie alles erkundet haben werden sie schon anmerken, dass sie in einem unterhaltungsfreien Kosmos keinen Sinn sehen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, um das Kind malen zu lassen. Es soll so viel malen, wie es will und wie es kann. Selbst wenn es so aussieht, als würde es immer nur einen grünen Kreis mit drei roten Punkten malen, die Langeweile lässt die Kreativität aufblühen und irgendwann wird sicher auch ein blaues Viereck auftauchen. Und selbst wenn es nur beim Grünen Kreis mit drei roten Punkten bleibt, sie werden besser, sie werden so, wie sie sich das Kind wünscht und es wird sich entwickeln, selbst wenn es niemand erkennt. Dann kommt die Musik. Einfache Musik, Musik für Kinder, einfache Lieder die es mitsingen oder Summen kann.

Tatsächlich, obwohl ich Mozart auf den Tod hasse, ist er der absolut richtige dafür. Mozart ist spielerisch, einfach und schön (drei Dinge, die ich bei Musik selten abhaben kann) und gleichzeitig doch vielfältig. Ein moderner Popsong basiert auf nicht mehr als sechs, eventuell acht Akkorden. Mit keiner anderen Musikrichtung lässt sich ein Kind effektiver verblöden und auf simple Strukturen polen, wie mit zeitgenössischer Popmusik und allem voran Schlager. Jazz is oft ein guter Weg, aber meist doch zu viel für ein Kind und schon nach kurzer Zeit anstrengend.

Ich persönlich wünsche mir eine Welt, die mehr mündige Bürger beinhaltet, als schwachsinnige Medienzombies, die keinerlei Aufmerksamkeit zeigen; mit AD(H)S, das schon an Autismus grenzt. Eltern sollten sich gut überlegen, ob sie ein Kind „einfach so“ in die Welt setzen und mal gucken wollen, was so passiert, oder ob sie sich auch darum kümmern und zwei Jahrzehnte 24 Stunden am Tag Mühe investieren wollen, um dem Kind zu helfen, einen Sinn und Weg zu finden. Leider sehe ich immer mehr Eltern, die schon so sehr mit sich selbst überfordert sind, dass das Kind ungefähr den Stellenwert einer vertrockneten Topfpflanze einnimmt. Das muss und sollte nicht sein… Ungefähr 100 Milliarden Menschen, die es bisher auf diesem Erdball gegeben hat, haben es auch geschafft, ganz ohne „Unterhaltungs“-, also Verblödungselektronik und asoziale Medien.

Nun, ich schaue einer so positiven wie unwahrscheinlichen Entwicklung sehr freudig entgegen, denn:

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Aber sie stirbt.

Albert Schmelzkäs