Bist du glücklich?

Wie oft hört ihr die Frage „Wie geht’s?“. Beziehungsweise wie oft werdet ihr das per Text gefragt? Die Frage gehört doch mittlerweile zu jeder Standard-Konversation auf tinder und Co. Nur: Wie oft ist sie ernst gemeint und wann ist es einfach nur eine Floskel zum Gesprächseinstieg? Und viel wichtiger: Wie oft habt ihr sie schon ehrlich beantwortet?

Let´s be honest. Die Frage stellt man nur noch „einfach so“. Und wenn wir sie ernsthaft fragen, dann doch nur, um unser eigenes Gewissen zu erleichtern. Wenn wir eine ehrliche Antwort wollen und helfen möchten, fragen wir anders. 

Mein Vater rief mich am Tag nach meinem Outing an und stellte mir eine Frage mit ähnlicher Bedeutung. Man muss dazu sagen, dass mein Outing am Abend vor dem Anruf ziemlich überraschend kam und nicht wirklich gut lief. Deshalb überraschte mich dieser Anruf umso mehr. Und die Frage die er mir stellte, die beschäftigt mich noch heute:

„Bist du glücklich?“

Das hatte mich noch nie jemand gefragt. Und ich musste tatsächlich überlegen. Und ich sagte Ja. Und erst in diesem Moment wurde es mir klar, dass ich es tatsächlich bin. Ich bin happy. Ich bin zufrieden und ich mag mich und ich darf auch glücklich sein.

Die Frage stelle ich mir seitdem des Öfteren. Und jedes Mal stelle ich sie mir für den Moment oder den Tag oder die Woche. Und wenn ich Bilanz ziehen müsste, dann würden die guten Tage, die Tage an denen ich mir die Frage mit Ja beantworte, überwiegen. Das heißt doch, dass ich ingesamt ein schönes Leben habe, oder?

Und es ist tatsächlich so. Ich war/bin (bin mir da gerade nicht so sicher) unglücklich verliebt. Der Grund für mein Outing, dieser eine Kerl, der mich dazu gebracht hat, meinen konservativen, eigensinnigen und homophonen Eltern von meiner Sexualität zu erzählen, der wollte mich nicht. Kurzzeitig bin ich daran etwas zerbrochen. Meine Arbeit hat darunter gelitten, mein Privatleben noch viel mehr. Aber jeden Tag stellte ich mir die Frage, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen sollte und trotzdem konnte ich sie situationsweise mit Ja beantworten. Das hat mir unheimlich geholfen. Bist du glücklich? Ja, jetzt gerade bin ich das. Weil die Sonne scheint. Oder weil Spotify per Zufallswiedergabe den richtigen Song ausgewählt hat. 

Klar, insgesamt war alles scheiße. Aber dass ich mich an Kleinigkeiten erfreuen konnte, tat gut. Und meine Gewohnheit, mich zu fragen, ob ich gerade irgendwie glücklich bin (oder auch sein kann), nicht wie es mir geht, die hat mir da richtig was gebracht. Ich habe mich dann dazu entschlossen die Welt und mich selbst nicht mehr so ernst zunehmen. Und mir die Frage nicht nur zu stellen, um mich selbst zu therapieren, sondern dafür zu sorgen, dass die Antwort immer Ja lautet, dass ich am liebsten jedem sagen möchte wie gut es mir geht und aktiv dafür zu sorgen, jede Situation mit einem Lachen zu betrachten und etwas Gutes in Allem zu sehen. Dass das Glücklichsein keine situationsabhängige Angelegenheit mehr ist, sondern ein Dauerzustand. 

Dafür hab ich mir Post-Its mit Smileys an alle wichtigen „Orte“ geklebt. An den PC im Büro, an das Schlüsselbord, an die Kaffeemaschine oder an den Kühlschrank. Die erinnern mich daran, was ich mir zur Aufgabe gemacht habe und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht, weil Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin. Es hilft. Die Frage habe ich schon eine Weile nicht mehr mit Nein beantwortet, auch wenn es weh tat, als ich erfuhr dass „mein Auserwählter“ nen Neuen hat. Oder als mein Auto, das immer mehr zum Hobby wurde (durch die Gegend fahren, Musik genießen und an nichts denken, als an die Straße) den Geist aufgab. Und wenn ich daran denke, wie meine Zukunft so aussieht, sehe ich nicht mehr so viel Schwarz wie vor einigen Wochen. Es wird schon alles passen. 

Weil… egal, was noch kommt: Mir geht es gut. Und noch besser: ich bin glücklich. Und wenn ich weiterhin die Dinge so angehe wie bisher, dann bleibt es auch so.

Bin ich glücklich? Ja, verdammt.